Sie verdeutlicht damit die sozialkonstruktivistische Theorie, wonach Geschlecht nicht biologisch vorprogrammiert oder kulturell erzwungen ist, sondern ein Produkt von kontinuierlicher – bewusster wie unbewusster – Interaktionsarbeit. Dabei greifen wir auf gelernte gesellschaftliche Muster von Weiblichkeit und Männlichkeit – auf Geschlechterstereotype – zurück.
Wäre es so, dürfte es gar keine Transgender-Leute geben. Denn sie werden ihrem sichtbaren Geschlecht entsprechend behandelt und erzogen und damit auf die Art beeinflusst, sich gar nicht anders fühlen zu können, als ihrem biologischen Geschlecht entsprechend.
Ebenso müsste es dann reichen, etwa eine Frau kontinuierlich männlich zu behandeln, damit sie sich als Mann in einem Frauenkörper fühlt. Auch das trifft nicht zu.
Mir wurde schon gesagt, ich würde männlich denken und funktionieren, obgleich ich körperlich eindeutig weiblich bin, ehe mir das selbst bewusst wurde. Aber wie ist das möglich? Ich wurde so erzogen wie meine Schwestern, die sich wiederum extrem weiblich verhalten und weiblich denken. Sozialkonstrukt hin oder her, diese Unterschiede dürfte es gar nicht geben, wenn Geschlecht nur durch Interaktionsarbeit erfolgt. Überhaupt frage ich mich, wie es zu mitunter extrem unterschiedlichen Persönlichkeiten in Geschwisterkonstellationen kommt, wenn alles nur Einfluss ist?
Abgesehen davon: Ja klar, das biologische Geschlecht hat durchaus einen Rückkopplungseffekt auf die Psyche. Jemand, der beim Pinkeln sein Geschlechtsorgan anfassen muss, um zu zielen, entwickelt sich anders. (Hierzu hat Camille Paglia interessante Sichtweisen.)
Die Biologie hat einen enormen Einfluss. Vieles in unserem Verhalten und sogar der Persönlichkeit beruht auf Hormonen. Dazu habe ich interessante Erfahrungsberichte von Transgender-Leuten gehört. Alleine durch die Gabe von Hormonen hat sich ihre Gefühlslage und ihr Verhalten bis hin zu Teilen ihrer Persönlichkeit geändert. Nicht durch Interaktionsarbeit oder soziokulturelle Einflüsse, sondern die schlichte Gabe von Hormonen verändert ihre Erlebnis- und Verhaltenswelt. Dagegen können ein paar Kästchen in Formularen oder eine WHO-Definition nichts ausrichten.
Des weiteren bestehen gerade Transgender sehr darauf, einem festen Geschlecht anzugehören (dem anderen eben). Da geht nicht gerade wenig Energie drauf, sich optisch dem gewünschten Geschlecht anzupassen, oft sogar mehr, als "normale" Vertreter des Geschlechts.
Kaonashi hat geschrieben: Fr., 09.11.2018, 09:47
Die Funktion und Wahrnehmung des Gehirns kann aber gesund sein, nur der Körper passt nicht dazu.
Sodass man sagen könnte, es ist eher der Körper, der hier das Problem darstellt. Und das kann man ja beheben.
Nun, dann ist halt der Körper "krank". Eigentlich eher unerheblich für die Thematik, würde ich sagen.
Es wird gemeinhin auch der Körper verändert, nicht das Hirn. Zumal das bislang einfacher ist. Wobei wiederum die Gabe von Hormonen den Geist durchaus drastisch ändern. (Könnte das ein Grund sein, warum bei solchen Menschen mehrmals Geschlechtswechsel möglich sind?) Welchen Einfluss Hormone auf die Persönlichkeit haben, erleben wohl so gut wie alle Frauen jeden Monat, mehr oder weniger ausgeprägt. Sogar die sexuelle Präferenz ändert sich durch die Hormonlage. Aber selbst Hormone wie Insulin oder Cortisol können Persönlichkeitsstrukturen ändern.
stern hat geschrieben: Fr., 09.11.2018, 11:38
Schon allein, dass das Geschlecht "unübersehbar" sein soll, geht an der praktischen medizinischen Realität vorbei, wenn zum Bleistift bei einem 70 jährigen Mann bei einer OP als Zufallsfund auf einmal eine Gebärmutter entdeckt wird...
Nun, heißt das, weil dieser eine Mann eine Gebärmutter hatte, dass nun alle Menschen entsprechende Mutationen aufweisen? Nach wie vor definiert sich der absolute Großteil der Menschen mit ihrem biologischen Geschlecht. Und das auf eine Weise, dass er es sogar durch Kleidung und Verhalten forciert. Da werden Muskeln antrainiert, da wird Schminke aufgetragen, da wird viel Wert darauf gelegt, als weiblich und männlich gesehen zu werden. Ja, es gibt Frauen, die tragen keine Stöckelschuhe und Männer, die sich die Augenbrauen zupfen (sich dennoch aber deutlich als weiblich oder männlich definieren). Es gibt aber keinen Zwang dazu. Ich kenne auch einige androgyne Menschen. Die sind aber enorm selten und sind eben nicht repräsentativ.
Am Ende aber ist diese Geschlechtersache doch eigentlich "nur" für die Fortpflanzung relevant, wenn man es auf die Funktion runterbricht. Und damit relevant für die Partnersuche und die Personen, von denen man geliebt werden möchte. Na ja, und medizinisch ist es natürlich dann relevant, wenn es gesundheitliche Probleme gibt. Nur, weil ich ein ziemlich männliches Gehirn habe, wird man an mir keine Vorhautverengung operieren können.