Innere Stabilität

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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lisbeth
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Beitrag Di., 04.03.2025, 14:37

Montana hat geschrieben: Di., 04.03.2025, 13:15 Warum muss man Emotionen "regulieren" im Sinne von wegmachen?
Montana, bei der Regulierung von Emotionen geht es gerade NICHT ums "Wegmachen". Das wäre Verdrängung.
Emotionsregulierung ist der Prozess, mit dem wir alle (!) versuchen, unsere Gefühle zu beeinflussen, bewusst oder unbewusst. Und viele hier (schließe mich da auch mit ein) haben das halt nie gelernt, wie man das konstruktiv hinbekommt, also ohne selbstschädigendes Verhalten, Süchte, Ausagieren, Gewalt usw. wenn man von Gefühlszuständen regelrecht überflutet wird und sich dem hilflos ausgeliefert fühlt. Emotionen regulieren, heißt für mich, dass ich meine Gefühle auch steuern kann (nicht wegmachen!) - dass ich durch eigene Gedanken und Handlungen aktiv Einfluss nehmen kann. Und ja, zuallererst gehört dazu, dass das Gefühl, das gerade im da ist auch Raum bekommt, anerkannt wird.
Arakakadu hat geschrieben: Mo., 03.03.2025, 11:50 Was mir jetzt wie Schuppen vor den Augen fällt: ich habe IMMER Stabilität im außen gesucht. Und das gibt mir Grad so viel Klarheit und ich sehe die Dinge einfach plötzlich mit anderen Augen.
Das ist doch ein großer Schritt, Ara! Also die Erkenntnis. Und um bei der Muskel-Metapher zu bleiben: Wenn du dich immer aufs "Außen" gestützt hast, dann konntest du auch deine inneren Muskeln nie so richtig gut trainieren und aufbauen.

Innere Stabilität ist für mich nichts Statisches. Und es ist für mich kein Zustand. Sondern Tun, Handeln. Bzw. es ist ein Zustand, den ich durch MEIN Handeln erreiche. Das Ganze ist für mich ein Kontinuum, eine Skala. Und ich entscheide mich jeden Tag neu dafür, Dinge zu tun, die mir dabei helfen. Und jenachdem was emotional bei mir gerade im Vordergrund steht, sind das ganz unterschiedliche Dinge. Manchmal kann das Sport sein, manchmal ausruhen und Pause machen. Manchmal ist es Gemeinschaft mit Menschen, die mir lieb sind, manchmal alleine sein. Manchmal ist es einen Film oder eine Serie schauen um abzuschalten, manchmal ist es, selbst kreativ zu werden und etwas Neues zu schaffen. Tagebuch schreiben ist für mich wichtig, und dabei eine gewisse Routine und Struktur haben. Damit ich dicht dran bleibe, was emotional bei mir gerade los ist, denn das verliere ich sonst ganz schnell aus dem Blick (weil zu unbequem und zuviel Umstände... :anonym: ). Und für Zeiten, wo es wild wird, hilft mir auch viel Struktur und Routine, weil ich dann nicht mehr nachdenken und entscheiden muss, was als nächstes dran ist.

Und was genau dieser Blumenstrauß an Handlungen für dich ist, das musst du Ausprobieren, immer wieder neu. Teilweise weißt du es ja auch, was dir gut tut. Es ist manchmal auch so, dass bestimmte Dinge eine Weile hilfreich sind und irgendwann nicht mehr. Und dann suchst du eben wieder neu. Beim Reflektieren: Was hat mir wann geholfen und warum? war die Therapeutin wichtig als Gegenüber. Weil sie mir ehrliches Feedback gegeben hat, mich gespiegelt hat, und mich auch manchmal in die Pflicht genommen hat, etwas Bestimmtes zu tun oder Auszuprobieren oder auch sein zu lassen.
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candle.
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Beitrag Di., 04.03.2025, 15:29

lisbeth hat geschrieben: Di., 04.03.2025, 14:37 Emotionsregulierung ist der Prozess, mit dem wir alle (!) versuchen, unsere Gefühle zu beeinflussen, bewusst oder unbewusst. Und viele hier (schließe mich da auch mit ein) haben das halt nie gelernt, wie man das konstruktiv hinbekommt, also ohne selbstschädigendes Verhalten, Süchte, Ausagieren, Gewalt usw. wenn man von Gefühlszuständen regelrecht überflutet wird und sich dem hilflos ausgeliefert fühlt.
Huch, ich dachte immer, dass es da eine Impulsstörung gibt (mit Krankheitswert). Oder geht es dabei um die vielleicht nicht gut er- und gelebte Frustationstoleranz, was ja in der Kindheit eine Rolle spielt? Und spielt Genetik auch eine Rolle?

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lisbeth
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Beitrag Di., 04.03.2025, 15:51

candle. hat geschrieben: Di., 04.03.2025, 15:29 Huch, ich dachte immer, dass es da eine Impulsstörung gibt (mit Krankheitswert).
Huch! Wer will denn hier sofort wieder die Schubladen öffnen? 😱
Hier geht es grade um Fähigkeiten, die man das ganze Leben lang erwerben und ausbauen kann. Da kann man schon mal ins Staunen kommen...
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Arakakadu
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Beitrag Di., 04.03.2025, 16:06

Da ke für eure Antworten. Mir geht es gar nicht darum meine Emotionen loszuwerden. Das Thema ist nur, dass ich immer wieder mit flashbacks zu kämpfen habe und das wirklich unlustig ist. Aber es ist viel weniger und allgemein fühle ich mich im Alltag viel stabiler, weil sich Recht viel verändert hat. Ich würde sogar sagen mir geht es wirklich gut ,außer alle paar Wochen diese überrollenden Gefühle. Ich habe auch ein Achtsamkeitstraining gemacht, leider hat mir die Dame nicht wirklich zugesagt. Eine Traumatherapie wollte ich jetzt nicht noch machen, ich brauchte Mal Abstand.
Also es geht nicht darum diese Gefühle zu unterdrücken (das habe ich Jahre lang gemacht) sondern sie auszuhalten und selbst in der Situation zur Ruhe kommen, mich selbst dann zu beruhigen. Wobei ja nichts verkehrt daran ist sich Hilfe zu holen, aber ich war sehr sehr instabil die letzten Jahre. Vermutlich auch durch die starke Essstörung. Oder umgekehrt. Ich habe immer gleich gehandelt aus dem Impuls heraus weil ich diese Gefühle eben loswerden wollte. Heute Versuche ich sie abzunehmen aber es gelingt mir wirklich nicht immer das ist es ja. Aber ich denke ein gewisser Rest wird immer Bleiben.

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candle.
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Beitrag Di., 04.03.2025, 16:33

Aha, ich nerve wieder ... :verziehmich:

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Philosophia
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Beitrag Mi., 05.03.2025, 19:29

Liebe Arakakadu, ich verstehe das gut mit dem Loswerdenwollen und im Außenreguliertwerdenwollen. Lisbeth hats ganz treffend formuliert - das eigene Regulieren ist ein Muskel, der trainiert werden möchte. Ich habe mich gefragt, was mir gut tut, wenn mich jemand im Außen für mich gut reguliert - und was ich mir da wünsche. Und das ist als allererstes Annahme mit allem, was und wie ich bin. Und das kann ich sehr wohl auch mit meinem Emotionen machen, indem ich sie da sein lasse (heißt nicht: ausleben). Ich mache das, indem ich innehalte und mir sage: "Ah, du bist jetzt wütend (traurig, ängstlich...). Das ist ok. Das darf genauso sein." Dann versuche ich mittlerweile jegliches Gedankenkonstrukt, das ich früher draufgepackt hätte, ziehen zu lassen, damit die Emotion durchfließen kann. Gedanken können Emotionen verstärken und aufrechterhalten. Dann schaue ich, was ich mir Gutes tun kann. Wichtig ist ein Ja zu mir selbst, damit ich das Ja von anderen nicht brauche (auch wenn das schön ist, wenn es kommt, und auch dasein darf).
"Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." - Albert Schweitzer

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Arakakadu
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Beitrag Sa., 08.03.2025, 18:58

Danke philosophia das hast du voll schön geschrieben 🍀☀️ werde ich mir auf jeden Fall merken

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Arakakadu
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Beitrag Di., 11.03.2025, 18:55

Ich habe im Moment das Gefühl dass ich therapeutisch echt anstehe. Wenn ich Mal länger nicht in der Therapie war, dann verliere ich total den Zugang zu dem wie es mir geht. Kennt ihr das? Und ich habe das Gefühl dass ich alles geredet habe und dennoch fühle ich mich nicht gesund. Wenn ich regelmäßig Therapie habe fühle ich richtig einen Schmerz und heul jede Stunde. Nach Pausen dauert es bis ich mich wieder öffnen kann. Ich habe auch das Gefühl dass das so bleiben wird bei mir. Kann sein dass man erst durch die Therapie Zugang zu deinen Gefühlen bekommen hat und wenn man gerade nicht begleitet wird alles wieder verdrängt?

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chrysokoll
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Beitrag Mi., 12.03.2025, 11:09

Was sagt denn die Therapeutin dazu? Welche Möglichkeiten und Lösungen bietet sie dir an?
Und wie kommt es denn zu den längeren Therapiepausen? Oder meinst du eher so normale Dinge wie ihren Urlaub?

Du schreibst das so, als wäre es ein Naturgesetz und du sagst ja selbst du hast das Gefühl dass das so bleiben wird.
Was kannst du denn selber tun, was tust du aktiv dagegen? Hast du da für dich Möglichkeiten gefunden und gelernt, suchst und ÜBST du das aktiv?
Immer mehr vom selben (also in dem Fall derselben Therapierichtung) führt u.U. nicht weiter, du bräuchtest da vermutlich anderes und zusätzliche Dinge.

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Scars
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Beitrag Mi., 12.03.2025, 17:05

Arakakadu hat geschrieben: Di., 11.03.2025, 18:55 Kann sein dass man erst durch die Therapie Zugang zu deinen Gefühlen bekommen hat und wenn man gerade nicht begleitet wird alles wieder verdrängt?
Bei mir ist das schon so aber das ist auch gut so. Ich bin heilfroh, dass mich meine Gefühle aus der Vergangenheit (weitestgehend) in Ruhe lassen, weil ich keinen sicheren Hafen hätte, wo ich mich im Sturm flüchten könnte. „Normale“ Menschen verdrängen auch und es macht doch auch überhaupt keinen Sinn, diese schwierigen Gefühle alleine außerhalb der Therapie zu fühlen, wenn du eh nicht gut damit zurecht kommst. Wenn mich nicht Körper oder Geist oder irgendwas irgendwann dazu zwingt, werde ich mich freiwillig auch nicht mehr damit beschäftigen. Bestimmte Themen werden bei mir immer bestimmte Emotionen auslösen, die allesamt besch**** sind - und das finde ich nur menschlich, weil die Themen besch**** sind. Wie chrysokoll schrieb, manchmal hilft es nicht mehr darin herum zu wühlen sondern man darf weiter gehen und neue Schritte wagen.
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lisbeth
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Beitrag Do., 13.03.2025, 11:32

Arakakadu hat geschrieben: Di., 11.03.2025, 18:55 Wenn ich Mal länger nicht in der Therapie war, dann verliere ich total den Zugang zu dem wie es mir geht. Kennt ihr das?
Kenn ich auch. Das ist mMn so, weil das Gegenüber (also die Therapeutin) dich spiegelt und du dadurch besseren Zugang zu dem bekommst, was du fühlst. Das ist wie bei kleinen Kindern, die oft auch nicht gut benennen können, was gerade los ist und die Erwachsenen übernehmen das dann (im Idealfall), indem sie spiegeln und erklären.
Auch das kannst du üben. Regelmäßige Check-ins mit dir selbst machen und dich fragen: Was fühle ich gerade und wo? Muss nix Großes sein, und es geht auch nicht darum, da voll einzutauchen, was gerade los ist, sondern es geht vor allem darum, dass du da deine Selbstwahrnehmung besser trainierst. Ich fand es auch über lange Zeit hilfreich, abends kurz aufzuschreiben, was tagsüber los war. Muss auch nicht viel sein. 3 oder 4 Gefühlszustände von diesem Tag und einen Satz zur Situation in der das Gefühl aufgetaucht ist und nochmal rekapitulieren, was ich dabei gespürt habe. Wichtig ist, dass du sowas in der Art regelmäßig machst.
Arakakadu hat geschrieben: Di., 11.03.2025, 18:55 Und ich habe das Gefühl dass ich alles geredet habe und dennoch fühle ich mich nicht gesund.
Naja, vom Drüberreden alleine wirst du ja auch nicht "gesund". Es geht doch darum, dass du für deine Gefühle andere, bessere Bewältigungsstrategien lernst. Und anfängst, diese anzuwenden. Am Anfang ist das eine ganz bewusste Entscheidung. Irgendwann wird das besser und passiert automatischer.
Je mehr du das übst und lernst, umso besser wirst du auch darin, dass du deine Gefühle wahrnimmst aber von ihnen nicht weggerissen wirst, weil du auch merkst, wie du das dosieren und steuern kannst. Braucht Zeit, viel Zeit und ist wirklich eine lebenslange Aufgabe. Ein Grundrauschen wird vermutlich immer bleiben, das sehe ich bei mir auch. Aber das heißt nicht, dass man ständig auf Therapeuten angwiesen sein muss.
Ich meine, dass du irgendwo auch mal was von ADHS erwähnt hattest, das kann auch ein Faktor sein, der das Wahrnehmen und das Regulieren von Gefühlen erschweren kann. Dazu gibt es auch Literatur.

Insgesamt habe ich festgestellt, dass ich mir diese Fertigkeiten im Zusammenhang mit Gefühlsregulierung aneignen kann, ohne dass die Inhalte (also warum fühle ich mich gerade so wie ich mich fühle??) wirklich wichtig sind. Du musst nicht in das warum eintauchen und immer weiter graben. Du musst das "wie" üben, und das geht unabhängig vom warum. Mir haben dabei auch die Bücher von Peter Levine und Bessel van der Kolk sehr geholfen, weil sie einem ein Verständnis davon vermitteln, was bei dysregulierten Gefühlszuständen im Körper passiert und wie man da wieder mehr Regulierung finden kann. Klingt simpel. Das Prinzip ist auch sehr simpel. Die Umsetzung (leider) nicht.
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Arakakadu
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Beitrag Do., 13.03.2025, 14:04

Danke an euch alle für eure ausführlichen Antworten!!

Also das was bei mir das aller schwierigste ist ist, dass ich Gefühle die unangenehm sind vorbei ziehen lassen kann. Einfach "nur" aushalten und nicht handeln. Das funktioniert beim erbrechen halbwegs gut aber bei Angst nicht mehr. Beim nicht kotzen (ich habe jetzt Zeiten gehabt da habe ich gar nicht mehr erbrochen und dann wieder Rückfälle) kann ich gut mit mir selbst reden und mich mit meiner Angst vor zunahme gut selbst in die Realität holen, da merke ich richtig dass ich es so gut geübt habe, dass es meist schon so gelingt dass nichts mehr passiert. Außer ich falle in einen Zustand wo ich zu mir selbst gemein sein will, wo ich es kaputt machen will und ich erbreche dann einfach. Ich habe auch schon ein Achtsamkeitstraining mit einer Traumatherapeutin gemacht ... Ich muss sagen dass mir das nicht wirklich viel gebracht hat, auchvdiese ganzen Tipps mit sicherer Ort, Dinge zählen etc. Ich habe so viel Literatur gelesen.
Das einzige was wirklich hilft ist dass ich mir sage "du musst das einfach aushalten lass diese Gefühle vorbeiziehen" und ich mittlerweile merke dass Gefühle kommen und gehen.
Ich habe eine furchtbare innere leere und brauchte teils Drama um mich spüren zu können. Das war das selbe damals wie mit dem Therapeuten, ich habe da eine unglaubliche Beziehungsdynamik bzw eine qualvolle Wiederholung meiner Vergangenheit immer und immer wieder rekonstruieren müssen. Und alles hat sich so echt angefühlt.
Jetzt bin ich da zwar eben viel weiter aber es enttäuscht mich so derartig dass ich immer noch keine wirkliche Lebensfreude verspüre. Ich sehe einfach keinen Sinn im Leben.
ADHS habe ich nicht diagnostiziert. Überlege aber ob ich es mache, aber ich denke nicht dass ich Ritalin nehmen möchte. Ich habe mich nur sehr viel mit Diagnosen beschäftigt. Aber wer tut das heutzutage nicht.

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Scars
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Beitrag Sa., 15.03.2025, 13:53

Arakakadu hat geschrieben: Do., 13.03.2025, 14:04 Jetzt bin ich da zwar eben viel weiter aber es enttäuscht mich so derartig dass ich immer noch keine wirkliche Lebensfreude verspüre. Ich sehe einfach keinen Sinn im Leben.
Kannst du dich erinnern, wann du das letzte Mal Lebensfreude verspürt hast? Oder hast du eine Idee, was dazu führen könnte, dass dir dein Leben gefällt?

Ich bin nun echt kein Experte für Lebensfreude aber aktuell ist es so, dass ich es tatsächlich etwas schade fände, wenn ich morgen sterben würde. Das liegt vor allem daran, dass ich versuche mir mein Leben so einzurichten, dass es mir gefällt und gut tut. Dafür muss man natürlich Antworten auf diese ganzen Fragen finden: was brauche ich, was mag ich, wie soll’s sein… und ich habe das Gefühl, dass man viel aushalten muss an Leere, Langeweile, Depression und dem ganzen Pups um für sich selbst innerlich den Raum zu halten. Ich habe viele Gefühle jahrelang nicht gefühlt und manche vielleicht überhaupt noch nicht im Leben und das ist so als wären die nicht eingespeichert. Dafür war ich halt andere gewöhnt und habe die auch besser erkannt und die, die nicht eingespeichert sind, die sind erstmal nur ganz leise. Die drohen dann unter zu gehen.

In den Gesamtzustand spielen ja auch noch äußere Faktoren mit rein. Bist du zufrieden mit deiner Arbeit, deiner Wohnung, deinem sozialen Umfeld…? Für mich sind die gar nicht unerheblich, wahrscheinlich gerade weil ich innerlich labil bin. Man kann sich Selbstwert, Wohlbefinden, Freude etc. pp. nicht kognitiv erdenken oder achtsam zurecht atmen, wenn es rundherum Faktoren gibt, die das sabotieren. Das entsteht mMn wenn sich dein gelebtes Leben mit dem Inneren deckt. Alles andere ist Über-Leben, was ja auch nicht schlecht oder falsch sein muss, manchmal ist das halt so.
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Beitrag Sa., 15.03.2025, 13:59

Scars hat geschrieben: Sa., 15.03.2025, 13:53 In den Gesamtzustand spielen ja auch noch äußere Faktoren mit rein. Bist du zufrieden mit deiner Arbeit, deiner Wohnung, deinem sozialen Umfeld…? Für mich sind die gar nicht unerheblich, wahrscheinlich gerade weil ich innerlich labil bin. Man kann sich Selbstwert, Wohlbefinden, Freude etc. pp. nicht kognitiv erdenken oder achtsam zurecht atmen, wenn es rundherum Faktoren gibt, die das sabotieren.
Ich finde, dass das ein ganz wichtiger Punkt hier ist Scars, der leider immer allzu gerne ausgespart wird und sich fast nur auf die Therapie bezogen wird. Eltern, Partnerschaft, Freunde sind ja an sich die Stützen im Leben und heilsam, wenn es denn die "richtigen" Personen sind.
Wäre ich nicht von der Schwiegerfamilie so gut und entspannt aufgenommen worden, hätte ich vielleicht nie erfahren wie ein Leben auch anders aussehen kann.

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Beitrag So., 16.03.2025, 12:51

Arakakadu hat geschrieben: Do., 13.03.2025, 14:04 Einfach "nur" aushalten und nicht handeln. Das funktioniert beim erbrechen halbwegs gut aber bei Angst nicht mehr.
Meine Vermutung ist, dass das alles miteinander zusammenhängt. Dass du mit dem Erbrechen deine Angst auf Abstand halten konntest, und dadurch, dass du nun weniger oder kaum mehr erbrichst, steht auf einmal die Angst ganz groß im Raum. Das mit dem Vorbeiziehenlassen muss auch "geübt" werden. Ich hab mal irgendwo gelesen, dass biochemisch (also Botenstoffe usw.) betrachtet Emotionen sich spätestens alle 90 sec. verändern und mir hat das geholfen, weil ich 90 sec als einen überschaubaren Zeitraum empfinde. Und manchmal geht es auch darum, sich auf anderes zu fokussieren, bis die ganz große Welle wieder abebbt - pure Ablenkung, das ist durchaus legitim.
Und, immer wieder: Das alles braucht Zeit und Übung. Sei geduldig mit dir. Muster, die du dein ganzes bisheriges Leben "eingeübt" hast, verschwinden nicht über Nacht. Du schreibst ja selbst, dass das mit dem nicht mehr Erbrechen jetzt halbwegs gut läuft, weil du es gut "eingeübt" hast. Ich kann mich erinnern, dass das am Anfang viel schwieriger war für dich. Und jetzt gehts viel besser. Das ist toll, und wenn es bei dem einen Problem klappt, dass du etwas Neues einübst und andere Verhaltensweisen etablierst, dann wird das mit der Zeit auch bei anderen Problemen klappen. Mir hat bei Angst zB geholfen, dass ich für akute Momente ganz lange Zeit eine festgelegte "Skillkette" hatte. So dass ich gar nicht mehr überlegen musste, was ich jetzt tun kann, sondern einfach angefangen habe damit. Und wenn das erste nicht geholfen hat, dann bin ich zum nächsten. Und das waren ganz banale Dinge, wie zB die blauen Gegenstände in meiner Umgebung zu zählen. Körperübungen (Klopfübungen für den Vagusnerv usw) waren auch sehr hilfreich.
Arakakadu hat geschrieben: Do., 13.03.2025, 14:04 Ich habe eine furchtbare innere leere und brauchte teils Drama um mich spüren zu können. [...]
Jetzt bin ich da zwar eben viel weiter aber es enttäuscht mich so derartig dass ich immer noch keine wirkliche Lebensfreude verspüre. Ich sehe einfach keinen Sinn im Leben.
Auch das braucht Zeit. Erstmal ist es doch auch ein Fortschritt, dass du nicht sofort wieder ins Drama fallen musst, um dich besser zu spüren und um diese Leere wegzumachen. Jetzt ist da ein Raum wo auch dein Eigenes wachsen kann. Und das fängt auch mit kleinen Dingen an. Und Ausprobieren. Fang ein neues Hobby an, oder greif ein altes Hobby wieder auf. Wenn du beruflich nicht zufrieden bist, kannst du vielleicht dort auch etwas verändern. Und, was ich in letzter Zeit gemerkt habe, Verbundenheit ist ganz wichtig. Und die entsteht durchs Teilen, von dem was wir sind und was wir haben. Sich Mit-Teilen können, so wie wir sind mit allen Stärken und Schwächen. Und wenn du merkst, da wächst was, dann hege das und pflege es, so wie du dich auch um eine kleine Pflanze kümmern würdest. Nicht zu viel gießen, aber auch nicht vertrocknen lassen. Und zwischendurch auch immer wieder in Ruhe lassen, denn letztlich wächst das Gras nicht schneller, weil man dran zieht ;-)
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