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So., 08.01.2023, 09:05
Wie bist du denn im Alltag, also jenseits der Therapie? Bist du da emotionaler, und nur im Therapieraum zeigst du deine Gefühle nicht? Oder zeigst du insgesamt wenig Gefühle? Dann wäre es ja ein kleines Wunder, wenn es im Therapiesetting auf einmal anders wäre, oder?
Hast du Zugang zu deinen Gefühlen? Also, kannst du spüren, was du in einem bestimmten Moment gerade fühlst und wenn ja, kannst du das auch differenziert benennen? Also nicht nur "ich fühle mich schlecht" sondern ganz konkret, welche Emotionen da in einer bestimmten Situation eine Rolle spielen?
Wie ist deine Herkunftsfamilie mit Gefühlen umgegangen? Durften Gefühle da sein und auch ausgedrückt werden? Oder hatte das alles überhaupt keinen Raum und keine Existenzberechtigung?
Ich war ganz lange von meinen Gefühlen regelrecht abgekoppelt. Weil das in meiner Familie nicht erwünscht war und weil ich ohnehin sehr rational funktioniert habe, habe ich dann alles über den Verstand geregelt. Aber die Gefühle waren ja trotzdem da und haben unter der Oberfläche für ziemlich viel Chaos und Verwirrung gesorgt. Und wenn die Gefühle dann mal offen im Raum waren, war ich damit total überfordert, weil ich damit überhaupt nicht umgehen konnte weil ich nie gelernt hatte, diese Gefühle auszuhalten und zu regulieren. Was wiederum dazu führte, dass ich sie noch mehr weggeschoben habe, das wird dann ein Teufelskreis.
Im Grunde bin ich als emotionaler Analphabet in der Therapie gelandet. Das hat die erste Zeit in der Therapie auch kompliziert gemacht, weil ich gar nicht klar benennen konnte, was ich fühle. Und uns beiden das aber auch nicht klar war. Als wir das Problem dann etwas eingekreist hatten, ging es dann auch ganz viel um meine Gefühle und Gefühlszustände. Sozusagen "Emotionen lernen". Hat etwas von Kindergarten-Niveau und eigentlich lernen Kinder im Vorschulalter auch einen differenzierteren Umgang mit ihren Gefühlen (also über das Nein! der Trotzphase (heute heißt das Autonomiephase) hinaus...)
Meine Therapeutin hat ganz viel gespiegelt, was sie bei mir wahrnimmt: Kann es sein, dass Sie gerade sehr wütend sind? usw. Das hat mir einen Anhaltspunkt gegeben um zu schauen: Stimmt das? Und wenn nicht, mich mit ihr zusammen anzunähern, was ich da gerade fühle. Sie hat dann auch meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper gelenkt, oft nachgefragt, was ich dann wo in meinem Körper gerade spüre, das kann ein guter Orientierungspunkt sein.
Was mir auch geholfen hat: Kinderbücher, in denen es um Emotionen und Emotionen ausdrücken geht. Ich habe außerdem ganz lange parallel zur Gesprächstherapie eine ambulante Kunsttherapie gemacht (mit Wissen und OK meiner Therapeutin), weil es mir sehr geholfen hat, das was (emotional) gerade ist nicht mit Worten sondern mit Farbe und anderen Materialien auszudrücken, auch die haptisch-sensorische Annäherung hat mir ganz viel gebracht, weil das bei mir irgendwie total verkümmert war. Tagebuch, das muss nicht viel sein, aber sich am Ende eines Tages mal 10 Minuten Zeit nehmen, um sich zu vergegenwärtigen: Was habe ich heute gefühlt? Was waren die prägenden Emotionen des Tages? Wie ging es mir damit?
Und vor allem: Regelmäßigkeit. Ich hab mir das immer so vorgestellt, dass ich meine "Emotionsmuskeln" trainieren muss, weil ich sie nie wirklich benutzt hatte, und wie beim Sport-Training ist das regelmäßige Trainieren und Üben wichtig und dass man dran bleibt...
When hope is not pinned wriggling onto a shiny image or expectation, it sometimes floats forth and opens.
― Anne Lamott